Mit Partnern und Gästen aus 5 europäischen Ländern ging das Projekt „Values versus Violence“ ( Werte gegen Gewalt) erfolgreich an den Start
Die Anfangsschritte sind getan, persönliche Kontakte geknüpft, erste Hausaufgaben verteilt: „Values versus Violence“, kurz „Triple V“, das internationale Projekt, das der Kreisjugendring Rems- Murr mit europäischen Partnern eröffnete, kann jetzt mit der konkreten Arbeit beginnen. In Kooperation mit dem Tübinger Institut für Friedenspädagogik, Partnern aus Nordirland, Großbritannien und Ungarn, sowie assoziierten Partnerschaften aus Finnland und Winnenden werden ab sofort Bausteine zur Werteerziehung grenzübergreifend entwickelt und vernetzt. Eine wichtige Rolle spielen dabei online-Aktivitäten.
„You can make a difference!“ - Du kannst etwas verändern! Mehrfach war diese Überzeugung während der Eröffnungsveranstaltung von den Teilnehmern zu hören. Alle haben sie exzessive Gewaltakte erlebt: den Amoklauf von Winnenden, den Amoklauf im ungarischen Pecs, die beiden Amokverbrechen in Finnland, den Amoklauf in Schottland und die vielen Gewaltakte im Nordirland-Konflikt. Und alle haben sie für sich entschieden: Wir werden die Gewalt nicht einfach nur hinnehmen! Wir werden nicht nur klagen – wir werden etwas tun!
Beim dreitägigen Eröffnungstreffen im Freizeit- und Schulungsheim des Kreisjugendrings in Mettelberg lernten sich die Partner aus Nordirland, England, Ungarn, sowie Gäste aus Finnland und Deutschland erstmals persönlich kennen. Sie präsentierten sich mit ihren jeweiligen Organisationen und ließen erkennen, dass sowohl Ausgangslagen, als auch Arbeitsansätze und Ressourcen sehr unterschiedlich sind:
Die Partner
Das Umfeld, in dem etwa die Organisation „174Trust“ im Norden Belfasts arbeitet, ist für Außenstehende kaum vorstellbar. Bis heute sind die Gebiete in protestantische oder katholische Zonen aufgeteilt- teilweise umzäunt mit Stacheldraht . Die Last der Vergangenheit wirkt noch immer lähmend auf das alltägliche Leben und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Ein Viertel aller Toten des Nord-Irland-Konflikts sind in jener Stadtregion zu beklagen, in der 174Trust arbeitet. Getragen von ihrem christlichen Glauben versuchen die Mitarbeiter, gegen die Trennungen anzukämpfen und zwischenmenschliche Friedensarbeit zu leisten. So wird etwa bei Konflikten eine Vermittlung durch Mediation angeboten. Auch die Inklusion von Menschen mit Behinderung gilt der Initiative als ein wichtiger Wert, weshalb „174Trust“ für „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ ein eigenes Projekt anbietet.
Ganz anders der Ansatz der Organisation „kids task force“ aus London. Die Initiative hat sich dem Ziel des sicheren, unbeschädigten Aufwachsens der Kinder und Jugendlichen verschrieben. Über den schulischen Weg schaffen es die britischen Projektpartner auf sehr breiter Ebene, Diskussionen und Auseinandersetzungen über Werte und Gewaltprävention unter den Schülerinnen und Schülern zu initiieren. Acht Jahre haben sie gebraucht, um das Thema der Gewaltprävention in die Lehrpläne zu bringen. Der lange Atem hat sich gelohnt. Inzwischen werden von „kids taskforce“ altersgemäße Medien für den Schulunterricht konzipiert und vertrieben: Comic-Hefte zum Mitgestalten für die Jüngeren, professionell erstellte Soap-Operas für die Jugendlichen. Nach dem Motto „Man sollte darüber reden!“ macht sich „kids task force“ über diese Medien gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen auf die Suche nach Gefahrenstellen, nach Risiken – aber auch nach Vorbildern. Durch die enge und landesweite Kooperation mit Polizei, Feuerwehr, dem Profi-Fußballverband und sogar der Fifa sichert sich die Initiative große Verbreitung und reges Medieninteresse.
Den Sport als Zugang für die Vermittlung von Gewaltprävention nutzt die Organisation „For Youth of Baranya“ aus Ungarn. Rund um sportliche Aktivitäten, etwa in Skate-Parks, werden in der Region Pecs so genannte „Jugendhelfer“ ausgebildet und eingesetzt, um Angebote vor allem für benachteiligte Jugendliche zu organisieren. Ein ernstes Problem unter den Heranwachsenden in Ungarn ist die mit der verbreiteten Armut verbundene Prostitution. Auch der Umgang mit Minderheiten stellt eine häufige Konfliktquelle dar. Über den Distrikt von Pecs verteilt existieren bereits 20 Jugendbüros, die eng mit Nicht-Regierungs-Organisationen verknüpft sind und Möglichkeiten für soziales Lernen bieten. Ihre Angebote, wie etwa Straßenkunstaktionen, können zukünftig in die Projekte der Gewaltprävention eingebunden werden.
„Beeinflusse diejenigen, die die Jugend beeinflussen“ – nach diesem Motto arbeitet das noch junge „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden/Stiftung gegen Gewalt an Schulen“. Man möchte sich künftig verstärkt an Pädagogen, an Lehrer, Jugendarbeiter oder Erzieherinnen wenden und sie in der Funktion als Multiplikatoren gegen Gewalt ausbilden und trainieren. An dem Projekt „Triple V“ beteiligt sich die Winnender Initiative als assoziierter Partner, genauso wie die Gäste aus Finnland. Auch sie bringen breites Wissen im Umgang mit Gewalterfahrungen mit, etwa aus dem nationalen Anti-Mobbing-Programm für Schüler, an dem sich 80% der finnischen Schulen beteiligen.
Förderung durch EU und „Herzenssache“
Gewalt, so ein erstes Fazit des Treffens, zeigt sich als ein grenzüberschreitendes Problem, von dem alle europäischen Staaten betroffen sind. Es gibt in Europa keine „gewaltfreien Zonen“. Gewalt kennt keine Grenzen, also müssen auch jene, die gegen Gewalt arbeiten, Grenzen überwinden und sich international vernetzen. Diese Vision stand bereits an der Wiege des gesamten „Triple V“- Projekts. Sie entwickelte sich nach dem Schock des Amoklaufs von Winnenden beim Kreisjugendring Rems-Murr. Im Verlauf des vergangenen Jahres ging man schließlich konkret daran, ein internationales Projekt zu entwerfen, in dem destruktive Gewalterfahrungen in konstruktive Entwicklungen überführt werden können.
Im Programm der europäischen Kommission zur Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Frauen unter dem Namen „Daphne“ fanden die Initiatoren den idealen Anknüpfungspunkt (s. Kasten). Inzwischen sind die Förderanträge des Kreisjugendrings bewilligt und die finanzielle Basis des Projekts in Höhe von 632 000,- Euro steht. 78% davon wird über die EU-Förderung abgedeckt, 22% trägt die SWR-Aktion „Herzenssache“.
Kopf, Herz und Hand
Das europaweite „Triple V“-Konzept ist auf zwei Jahre angelegt. In der konkreten Umsetzung mit den Jugendlichen vor Ort nutzt es in allen Partnerregionen drei unterschiedliche Zugänge: „Kopf, Herz und Hand“.
Der kognitive Zugang zur Wertethematik wird über Seminararbeit und Wertekommunikation in Gruppen stattfinden. Einen sozialen und emotionalen Zugang eröffnen die „Service lernen“ genannten praktischen Einsätze in sozialen Einrichtungen. Und den körperlichen Part werden organisierte Straßenfußballturniere ausfüllen, die nach den Regeln von „street football for tolerance“ ausgetragen werden (www.streetfootballworld.org).
Verbindendes Element, sowohl national als auch länderübergreifend, werden die breiten online-Aktionen des Projekts sein. International wird es für „Triple V“ eine Facebook-Seite geben. Die Mehrzahl der Beiträge dort soll durch Redaktionsteams von Jugendlichen selbst produziert werden. Zur Vorbereitung solcher Teams sind spezielle Schulungen geplant. Hinzu kommt im virtuellen Triple- V-Konzept eine eigene web-site für Jugendliche, die Beiträge in allen Sprachen enthalten wird. Für Erwachsene, für Multiplikatoren und Pädagogen, die ebenfalls zur Zielgruppe von „Triple V“ gehören, wird es eine weitere Internetseite geben. Das renommierte Tübinger Institut für Friedenspädagogik wird über die gesamte Projektphase die Partnergruppen begleiten. Dazu werden die Friedenspädagogen ein didaktisches Handbuch – in drei Sprachen! – erstellen und die Partnergruppen vor Ort besuchen. Und das alles läuft jetzt zügig an: Nach dem erfolgreichen „Kick-off“ geht es in die konkrete Arbeitsphase. Bis zum 15. März werden die Projektpartner je 3 Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen benennen, die im April in Mettelberg die erste Schulung zum Wertekommunikator absolvieren. Ab Mai werden diese Ausgebildeten dann jeweils zu Hause wieder eigene Schulungen durchführen.
Neue Kontakte
Die Auftaktveranstaltung in Mettelberg, die mit immenser Kraftanstrengung von den Kreisjugendring-Referenten Jörg Friedrich und Robert Rymes vorbereitet und mit Unterstützung eines großen KjR-Teams durchgeführt wurde (komplett auf Englisch!), erhielt von den Teilnehmern ein sehr positives Feedback.
„Wir haben die Chance vor uns, von und mit anderen zu lernen – und das macht Hoffnung“, so Heather Carey von „174Trust“. Auch Sharon Daughty und Neil Evans von den britischen Projektpartnern, zeigten sich erfreut über neue Kontakte, nicht zuletzt über jene „direkt vor der Haustüre“, zum „Triple V“-Partner nach Nordirland.
„In einem europäischen Team gegen Gewalt mitzuarbeiten“, so Nikoletta Spirk aus Ungarn, „stärkt uns und macht uns Mut“. Gisela Scholtyssek vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden zeigte sich überzeugt davon, dass das Projekt erfolgreich arbeiten wird: „Was wir hier teilen, kommt aus unseren Herzen“. Und Amos Heuss vom Institut für Friedenspädagogik bekannte: „Ich habe hier Menschen getroffen, die auf hohem professionellen Standard arbeiten – von ihnen können wir viel lernen“.
Daphne
Unter dem Namen Daphne wurde 1997 ein europäisches Programm zur Bekämpfung von Gewalt gegründet. Die Hauptziele sind die Reduzierung von Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Frauen, sowie die Unterstützung von Gewaltopfern in Europa. Bis heute konnten Hunderte Initiativen und Einzelpersonen durch die Förderung des Daphne-Programms gegen Gewalt aktiv werden und sowohl wissenschaftlich als auch praktisch Neuland in der Arbeit zur Gewaltüberwindung betreten.
Das Daphne-Logo, in den europäischen Farben blau und gold, deutet die Arbeitsweise des Programms an: Das Schnur- oder Wollknäuel soll das Ziel der Verbindung oder Vernetzung zwischen den Projekten symbolisieren. Daphne-Projekte möchten Kontakte eröffnen und Netzwerke herstellen, über Staats- und Sektorengrenzen hinweg. Und sie möchten andererseits auch Problemlagen entwirren, Durcheinander auflösen und Auswege signalisieren.
Der Name Daphne bezieht sich auf eine Geschichte aus der griechischen Mythologie: Gott Apollo hatte sich in eine arme, aber sehr schöne Frau verliebt. Aufdringlich stellte er der jungen Frau nach. In ihrer Verzweiflung, die sexuellen Avancen von Apollo abzuwehren, bat die ihren Vater, den Wassergott Peneus, um Hilfe. Als Apollo es schließlich schaffte, die junge Frau zu berühren, verwandelte ihr Vater sie in einen Lorbeerstrauch – griechisch daphne.



