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Amoklauf Winnenden
Am 11.3.2009 drang ein 17-jähriger ehemaliger Schüler in die Albertville Realschule in Winnenden ein und erschoss neun Schülerinnen und Schüler sowie drei Lehrkräfte. Auf der Flucht erschoss er drei weitere Personen, bevor er sich selbst tötete. 15 Personen wurden z.T. schwer verletzt. Kinder, Eltern, Kommunen, ja ein ganzer Landkreis ist ob dieser unvorstellbaren Tat traumatisiert.
Zu den Fragen, wie „so etwas“ geschehen konnte, wie die Ereignisse zu begreifen sind, welche Folgen sie für die Entwicklung und das weitere Zusammenleben haben, ob und wie sie verarbeitet werden können, kommt die Frage hinzu, was getan werden kann und muss, um der alltäglichen Gewalt zu begegnen und deutliche Zeichen für ein friedliches Zusammenleben zu setzen.
Das Projekt Lebenslinien ist die Förderung des friedlichen Zusammenlebens
Eine (sozial)pädagogische Antwort auf diese Fragen ist das Projekt Lebenslinien. Das Projekt unter der Leitung des Kreisjugendrings Rems-Murr e.V. fungiert als Dach unter dem sich viele lokale Organisationen mit dem einen Ziel sammeln: Die Förderung des gewaltfreien Zusammenlebens.
Der Ansatz des Gesamtprojektes gründet auf der Überzeugung, dass es zu wenig ist, nur „gegen“ Gewalt zu arbeiten. Menschen benötigen, um Gewalt zu überwinden, positive Erfahrungen und Perspektiven. Das Ziel ist, Gewalt überflüssig zu machen und ihre bisherigen Funktionen wie Aggressionsabbau, Machtgefühle oder als Mittel zur Annerkennung, durch positive attraktive Möglichkeiten der Entwicklung und Lebensgestaltung abzulösen. Dies soll in vielfältigen, kreativen Projektbausteinen aufgegriffen werden.
Resilienzen – seelische Widerstandskräfte des Menschen
Die Resilienzforschung befasst sich mit der Fragestellung, warum Menschen nicht an widrigen Lebensumständen oder extremen Stressbedingungen zerbrechen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Menschen nicht nur trotz widriger Umstände sondern sogar wegen dieser „gedeihen“ können, indem sie eigene und soziale Ressourcen mobilisieren und so genannte Resilienzen – also Widerstandskräfte entwickeln.
Bei allen konkreten Maßnahmen und Ansätzen wird daher auf ein streng ressourcenorientiertes Vorgehen geachtet, das heißt, dass Stärken gestärkt werden.
Wertevermittlung ist Resilienzen fördernde Gewaltprävention
Das Projekt Lebenslinien verfolgt als didaktischen Schwerpunkt den wissenschaftlich fundierten Ansatz der Wertevermittlung und Demokratieerziehung. Dabei werden Jugendliche angeregt, sich aktiv mit eigenen Wertvorstellungen auseinander zu setzen und für sich selbst herausfinden, was für ihr Leben und die Gesellschaft wirklich wichtig ist.
Wir begreifen ein starkes, positives Wertesystem als wichtigen Resilienzfaktor, der eigene und soziale Ressourcen mobilisiert. Wer sich beispielsweise als wichtiges Vorbild für jüngere Geschwister begreift, wird sein persönliches Verhalten danach ausrichten/versuchen sich verantwortungsvoll zu verhalten. Gleichzeitig stärkt z.B. die Wertschätzung von Freundschaften die soziale Einbindung des Individuums.
Wir verstehen Wertevermittlung nicht als banalen Transfer von Werten, bei dem wir Jugendlichen erzählen was gut und was schlecht ist. In der Regel verfügen die Meisten bereits über ein klares Wertesystem. Allerdings sind sich viele Jugendliche – sowie auch viele Erwachsene – nicht darüber bewusst. Als Beispiel sei hier das ökologische Bewusstsein genannt. Fast jeder weiß, wie umweltschädlich Flugzeugabgase sind. Allerdings verzichtet nur ein Bruchteil der Bevölkerung auf Flugreisen zu seinen Urlaubsorten, weil die Menschen ihre Gewissensbisse verdrängen und so ihr persönliches Wohlbefinden über das der Allgemeinheit stellen. Unser Ziel ist es daher, das Gewissen der Jugendlichen zu schärfen, indem sie erkennen welche Werte bei Alltagsentscheidungen miteinander konkurrieren, wie sie zu gewichten sind und wie Entscheidungen begründet werden müssen.
Unsere fünf Zugänge der Wertevermittlung
Wertevermittlung ist jedoch kein rein rationaler Prozess, bei denen Verhaltensänderungen ausschließlich durch Diskussionen und Überlegungen entstehen. Sie braucht einen Lebens- und Erfahrungsraum, in dem Werte praktisch eingeübt und gelebt werden.
In unserer pädagogischen Praxis orientieren wir uns daher an fünf Zugängen der Wertevermittlung:
- Urteilen können, Gewissen schärfen, Werte prüfen: Hierzu eignen sich besonders Diskussionen bzw. die Bearbeitung von so genannten Wertedilemma-Situationen, in denen zwei Wertevorstellungen miteinander im Widerspruch stehen
- Verantwortung übernehmen, Selbstwirksamkeit erfahren: Dieses gelingt u.a. durch Ansätze des Service Lernens, bei dem sich Jugendliche, pädagogisch begleitet, über einen längeren Zeitraum für (hilfsbedürftige) Menschen engagieren
- Vorbilder haben, Vorbilder sein: Jugendliche orientieren sich an Vorbildern (Modelllernen) sind aber auch selbst Vorbilder für Jüngere. Vorbilder können ihre positive Funktion entfalten, wenn sie frei gewählt werden können, nicht idealisiert werden und eine positive
- Orientierung für konkrete Lebensfragen anbieten
- Freunde/Freundinnen haben – Freund/Freundin sein: Ein Alltagsansatz, der bedeutet, Freundschaften bewusst aufzubauen und zu unterstützen. Beispielsweise zeigen Untersuchungen, dass junge Mobbingopfer erheblich widerstandsfähiger sind, wenn sie zumindest einen Freund oder eine Freundin haben (Resilienz)
- Regeln aushandeln, Regeln einhalten: In vielfältigen Formen werden verbindliche Regeln des Zusammenlebens, verbunden mit der Selbstverpflichtung sich an diese zu halten, formuliert, beispielsweise bei KickFair-Turnieren – Fußballspiele bei denen die Spieler Regeln selbst formulieren und nach Spielende gemeinsam Fairplay-Punkte verteilen
Grundlegend für jede Form der Wertevermittlung und Demokratieerziehung ist die Einladung und Befähigung von Jugendlichen zur Mitbestimmung und Mitgestaltung. Hierzu gehören eine kritische Diskussionskultur ebenso wie Instrumente der Mitentscheidung und die Frage des Umgangs mit Minderheiten.
Die Lebenslinien vieler Jugendlicher im Rems-Murr-Kreis haben durch den zerstörerischen Amoklauf einen Knick erlitten. Das Projekt Lebenslinien möchte nun ein Zeichen der Hoffnung setzen, damit sich die Lebenslinien der Jugendlichen wieder entfalten können. Diese Entwicklung soll durch Wertevermittlung und Demokratieerziehung positiv beeinflusst werden.
